Logo des Poggendörpers

Stand: April 2008

Straßennamen in unserem Stadtteil - Was steckt dahinter?

Von Sönke Petersen

Man wohnt in einer Straße und diese hat fast immer auch einen Namen. In der Regel macht man sich aber kaum Gedanken über diese Namensgebung. Wer hatte die Idee sie ausgerechnet so zu nennen und warum? In den nachfolgenden Beiträgen soll näher auf die Straßennamen in unserem Stadtteil und den damit verbundenen Hintergrundgeschichten eingegangen werden.


Luisenstraße Luisenstraße

Wurde ursprünglich Louisenstraße geschrieben. Nach den Unterlagen im Kieler Stadtarchiv ist die Straße nach Louise Steffen benannt. Sie und ihr Mann, der Kapitän Steffen, lebten vermutlich in Neumühlen und waren mit der Familie Howaldt befreundet. Denkbar wäre auch, dass darüber hinaus mit der Wahl dieses Namens auch die Erinnerung an Louise Howaldt, eine der Schwestern Georg Howaldts wach gehalten werden sollte. Sie verstarb bereits als vierjähriges Kind.

Luisenstraße Im Gebäude Luisenstraße Ecke Grenzstraße war seit dem 1. April 1905 das 6. Königliche Polizeirevier untergebracht. Bereits seit April 1898 war Königliche Polizei im Ort stationiert. Das war schon außergewöhnlich, denn in Landgemeinden gleicher Größe gab es ansonsten nämlich nur s.g. "Landjäger" mit untergeordneten Hoheitsaufgaben. Dieses massive Aufgebot stand wohl im Zusammenhang mit den "socialistischen Umtrieben" der Arbeiterschaft vor Ort.

Luisenstraße Unter der Überschrift "Ehegattenmord in Dietrichsdorf" berichteten am 10. Mai 1910 die "Kieler Neuesten Nachrichten" über eine blutige Ehetragödie, die sich am Vortage in der Louisenstraße 32, ereignet hatte. Nachdem der Werftarbeiter Hansen längere Zeit aus Krankheitsgründen arbeitsunfähig war, hatte seine Ehefrau ihn verlassen und sich "umhergetrieben". Die gemeinsamen Kinder mussten daraufhin vorübergehend im Armenhaus der Gemeinde untergebracht werden.





Luisenstraße Als die Gattin in die Wohnung zurückkehrte, begann sie dort zu randalieren und zerschlug dabei auch Möbel und Porzellan. Der Werftarbeiter entfernte sich vorübergehend, kam mit einem Revolver zurück und feuerte sechs Schüsse auf seine Ehefrau ab. "Frau Hansen stürzte getroffen zu Boden und war nach kurzer Zeit eine Leiche" (Originaltext der KNN). Trotz heftiger Gegenwehr konnten der von Nachbarn herbeigerufene Polizeiwachtmeister Ohrtmann gemeinsam mit weiteren Schutzleuten Werftarbeiter Hansen überwältigen und abführen.

Luisenstraße Infolge einer Erweiterung des Betriebsgeländes der Firma HELL wurde Mitte der 80er Jahre der südliche Teil der Luisenstraße ab Moorblöcken als öffentliche Straße aufgehoben. Das hier neu errichtete Fabrikgebäude nutzte man nur noch kurze Zeit, denn die gesamte Betriebstätte der Firma wurde, wie an anderer Stelle erwähnt, bald schon aufgegeben. In den Neubau zog danach im Dezember 1988 für einige Jahre das Umweltministerium des Landes Schleswig-Holstein ein.


Straßen im unteren Dietrichsdorf

Bis zum Jahre 1876, als Georg Howaldt eine kleine Schiffswerft am Nordufer der Schwentine erwarb, war es in Dietrichsdorf eher ruhig zugegangen. Das bäuerliche Alltagsleben der rund 580 Bewohner im Dorf wurde in erster Linie von der weitverzweigten Großbauernfamilie Ivens bestimmt. Die Felder der Gemeinde erstreckten sich von den Ufern der Schwentine und der Förde bis an die Grenzen der Nachbardörfer Mönkeberg und Schönkirchen. Sie wurden, bis auf die Koppeln nördlich vom Salzredder (hier entstand ab 1871 das Munitionsdepot der Kaiserlichen Marine) weitgehend noch landwirtschaftlich genutzt. In Neumühlen, dessen Bebauung zwischen Schwentineufer und Steilhang sehr beengt lag, ging es schon etwas lebhafter zu. Mühlenbetriebe, Handwerker, Händler und Gasthöfe prägten hier das Leben. Außerdem ging der gesamte Personen- und Warenverkehr, der zwangsläufig über den Mühlendamm kommen musste, von und nach Norden über den Heikendorfer Weg und die Schönberger (Schönkirchener) Straße. Dietrichsdorf oben am Dorfteich lag abseits und blieb von diesem Treiben weitgehend unberührt.

Das änderte sich innerhalb von wenigen Jahren aber sehr schnell. Anfänglich waren es zwischen 20 bis 30 Arbeiter gewesen, die bei der "Kieler Schiffswerft Georg Howaldt" beschäftigt waren. Bis 1883 stieg die Zahl der Beschäftigten vorübergehend auf rund 1200 an und das Werftgelände war um ein Vielfaches angewachsen. Um der steten Fluktuation der Arbeitskräfte entgegenzuwirken und auch um die Fachkräfte an die Werft zu binden, ließ Howaldt ab 1884 vor dem Werfttor zahlreiche Arbeiterwohnhäuser in einer s.g. "Arbeitercolonie" bauen. Diese Bautätigkeit zog sehr schnell Investoren an. Privatwohnhäuser; Geschäfte, Gaststätten und Handwerksbetriebe wurden gebaut. Abseits vom Dorf entstand zwischen Werft und Heikendorfer Weg noch vor der Jahrhundertwende ein völlig neuer Ortsteil, den man "Neu-Dietrichsdorf" nannte. Um 1895 lebten hautsächlich hier unten die Mehrzahl der auf rund 2930 Personen angewachsenen Dorfbevölkerung. So wie wir sie auch heute noch kennen, wurden die Straßenzüge in diesem Wohnquartier damals schon angelegt. Die Straßen benannte man nach weiblichen Vornamen aus dem Bekanntenkreis der Familie Howaldt, oder aber die Bezeichnungen hatten einen unmittelbaren Bezug zur Werft. Von den rund 40 Arbeiterwohnhäusern aus den Anfangsjahren der Bebauung ist keines mehr erhalten. Die meisten wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört, der Rest abgebrochen als die Werft dringend Flächen für Parkplätze ihrer Mitarbeiter benötigte.

Als Neumühlen-Dietrichsdorf 1924 nach Kiel eingemeindet wurde, ergaben sich verschiedene Doppelbenennungen von Straßen im Stadtgebiet. Einige Straßennamen im neuen Stadtteil mussten daher auf Beschluss der Kieler Stadtverordnetenversammlung (heute heißt es Ratsversammlung) umbenannt werden. Dabei griff man auch auf alte Ortslagenbezeichnungen zurück. Diese stehen im Bezug zur Besiedlungsgeschichte oder zur Geographie von Neumühlen und Dietrichsdorf. In der Regel kommen die Namen aus dem Plattdeutschen. Ihre Deutung ist den heutigen Generationen kaum noch möglich, da sie vielfach keinen Bezug mehr zur Sprache ihrer Vorväter haben. Bei der Erklärung dieser Namen konnte auf das Niederdeutsche Wörterbuch von Otto Mensing, Karl Wachholz Verlag und auf die Flurkarten von 1769 bzw. 1876 zurückgegriffen werden.