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Stand: November 2009

Stadtteilgeschichte

Kein Mehl mehr aus Neumühlen. Ein traditioneller Erwerbszweig gab auf

Von Sönke Petersen

Sönke Petersen Über 750 Jahre, solange wie Menschen der Neuzeit am Unterlauf der Schwentine siedelten, standen hier Mühlenbetriebe.

Bereits um 1250, so steht es im Kieler Stadtbuch geschrieben, betrieb ein Müller Thimmo mit seinem Schwiegersohn eine Wassermühle am Südufer der Schwentine, vermutlich dort, wo heute die Sparkasse steht. Im weiten Umkreis bis nach Kiel hin unterlagen die Bauern der Mühlenzwangspflicht, d.h. sie durften nur hier in dieser Mühle ihr Korn mahlen lassen. Um 1500 gab ein für damalige Menschen sehr bedeutender Nachfolgebau, "De nigen Möhlen", die dem Ort "Zwentinemunde" am Nordufer der Schwentine, einen neuen Namen gaben.

Ende des 18. Jahrhunderts drohte die Mühle wieder einmal einzustürzen. 1799 ließ König Christian VII. durch den Landesbaumeister J. A. Richter an einem neuen Platz die "Herrschaftliche Kornwassermühle" errichten. Denn die Landesherren (in den ersten Jahrhunderten waren es die Holsteinischen Grafen, seit 1459 die Dänischen Könige) rechneten die Mühlen zu ihrem Besitz und gaben dafür Privilegien aus. Wenn auch ohne Mühlrad, so steht die Mühle immer noch an ihrem alten Platz an der Schönberger Straße (Hausnummer 2).

Die Neumühlener Öl - und Lohmühle

1690 errichtete man auf dem Werder (Insel) in der Schwentine, nahe dem Neumühlener Ufer, eine Bork- und Lohmühle. Hier wurden u. a. die Felle der zahlreichen Rinderherden von den großen Gütern der Probstei gegerbt. Das sogenannte "Bannrecht", ein Privileg der Lohmühle, verpachtete man an das Amt der Schuster in Kiel.

Um der alljährlichen sommerlichen Betriebsflaute der Kornmühle und den veränderten Anbaubedingungen der Landwirtschaft Rechnung zu tragen, entstand "unterm Julimond" 1772, benachbart zur Lohmühle am Neumühlener Ufer, eine Ölmühle als Nebenbetrieb. 1779 erwirbt der Kaufmann Johann Joachim Kühl von seinem Schwiegervater Hans Wiese, die (Erbpacht) Öl - und Lohmühlen. Zwei Jahre später erhielt er die Erlaubnis zum Bau einer Seifensiederei und Kalkbrennerei auf der Schwentineinsel. - Jetzt liegen hier die Motorboote der "Schwentinetalfahrt". Benachbart befand sich etwa unter der heutigen Schwentinebrücke ein Wäschewaschplatz, an dem auch die Wäsche für das Kieler Schloss gewaschen wurde. Weiter flussaufwärts lag eine Knochenmühle, die die Grundsubstanz zur Seifenherstellung erzeugte. 1784 pachtete Kühl vorübergehend auch noch die Kornwassermühle dazu. Damit hatte er die wichtigsten Betriebe am Schwentineunterlauf in seinen Händen. Er betätigte sich aber auch als Schiffsmakler und Reeder. Auf eigene Rechnung gelangten seine verschiedenartigen Mühlenprodukte auf gecharterten oder eigenen Schiffen in zahlreiche europäische Häfen, ja sogar bis nach Amerika. 1805 kauft er die Güter Oppendorf und Schönhorst.

Die Langesche Industriemühle

Mühle Da aber die finanziellen Kaufvertragsbedingungen von ihm nicht erfüllt werden konnten, verlor er 1819 nach einem jahrelangen Prozess gegen Rantzaus Erben, den Vorbesitzern der Güter, diesen Besitz mit erheblichen Verlusten wieder. Mit seinen Unternehmen ging´s nun bergab. 1820 verstirbt Kühl 73 - jährig in Neumühlen.

1836 erwirbt der englische Vicekonsul Birch die Loh - und Ölmühle und lässt sie 1841 abreißen. Mit seinem Schwiegersohn errichtet er an gleicher Stelle einen Neubau, die Birch - Hirschfeld‘sche Mühle. Bereits nach wenigen Betriebsjahren wird sie 1863 stillgelegt.

Die Erben Birchs verkaufen das Anwesen an die Brüder der Johannes und Ferdinand Lange aus Altona. Diese erwerben 1864 auch noch die "Herrschaftliche den Kornwassermühle" dazu. Sie wird später einmal ihr (umgebautes) Wohnhaus werden. Die "Hirschfeld‘sche Mühle" fällt bald der Spitzhacke zum Opfer.

Stattdessen entsteht 1864 / 1885 ein gewaltiger 8 - stöckiger Mühlenneubau mit 60 Mahlgängen, dem damals größten und bedeutendsten Mühlenbetrieb des alten Deutschen Reiches. Die 8 gemauerten Gewölbe, durch die das Wasser zum Antrieb der Turbinen schoss, sind die einzig verbliebene Erinnerung an dieses Gebäude.

Die Feuerkatastrophe von 1874

Im Juli 1874 kommt es zur Katastrophe. Ein Großbrand vernichtet das Bauwerk, erst nach einer Woche ist das Feuer endgültig gelöscht. Der Schaden beträgt drei Millionen Reichsmark. Ein noch größerer und leistungsfähigerer Neubau mit 80 Mahlgängen wird wieder aufgebaut. Ein Kesselhaus mit zwei Dampfturbinen macht die Mühle unabhängig vom Wasserstand. Am Platz der jetzigen Reichweinschule werden 2 Wasserbassins angelegt. 3/4 Meter starke Rohre können von dort das Löschwasser bis in die Mühle hineinleiten. Die Schwentine wird vertieft, der untere Inselteil weggebaggert. Eine mühleneigene Reederei mit 12 Schiffen (z. T. bei Howaldt gebaut) exportiert die Erzeugnisse in erster Linie nach England, aber auch nach Übersee. 1881 geht die Mühle in den Besitz der "Baltischen Mühlengesellschaft - AG" über, 1898 arbeiten dort 170 Beschäftigte. 1912 bis 1914 ist die Mühle im Besitz von Peter Kruse aus Kappeln. Danach gehört sie unter dem Namen "Holsatiamühle" dem Hamburger Kaufmann Lebensbaum. Er geht in dieser Zeit mit dem Betrieb in Konkurs. Nach dem 1. Weltkrieg wird die Mühle modernisiert. 1932 / 33 beginnt die "Holsatia G.m.b.H." mit dem Neubau des Großsilos (Lagerkapazität 15.000 t), der 1939 / 40 vollendet wird.

Die endgültige Vernichtung

Mühle "Die Holsatiamühle hat nun auch dran glauben müssen", schreibt der Alarmposten D. Boelek in seinem Tagebuch am 9. April 1945. Bei diesem Großangriff englischer Bomber kamen in Kiel 81 Menschen um. Die 3 Kieler Werften wurden stark beschädigt. Nach dem 2. Weltkrieg wird das alte Silogebäude zur Mühle umgebaut. Der zur "Kampffmeyer - Mühlen G.m.b.H." gehörende Betrieb ist in den Nachkriegsjahren Branchenführer mit seinen Mühlenprodukten. Marktbedingungen und Rationalisierungen des Betriebes sorgen für spätere Abwärtsentwicklungen. In der letzten Zeit sind noch 12 Mitarbeiter dort beschäftigt. Zum 30. Juni 1993 wird die Mühle stillgelegt.