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Stand: August 2010

Kein "Schüttgut" im Ostuferhafen

Von unserem Ratsherrn Hans-Werner Tovar

Hans-Werner Tovar Die Aufregung war groß, als der Ortsbeirat Neumühlen-Dietrichsdorf/Oppendorf über das Vorhaben der Seehafen Kiel GmbH diskutierte, die Schüttgutanlandung von der Tirpitzmole in den Ostuferhafen zu verlegen. Befürchtungen wurden laut, Dietrichsdorf könne in einem Sandsturm "ersticken".

Vorab:
Die Aufregung war umsonst. Das Vorhaben hat sich erledigt. Es bleibt alles beim Alten. Das Schüttgut bleibt wo es ist, nämlich auf dem Westufer.

Was steckte hinter der ganzen Angelegenheit?

Unter Schüttgut versteht man Kiesanlandungen in unterschiedlicher Körnung, die für Bauvorhaben, insbesondere den Straßenbau benötigt werden. In Kiel erfolgt der entsprechende Umschlag für ganz Schleswig-Holstein. Die Seehafen Kiel GmbH verdient damit jährlich fünfstellige Beträge.

Nördlich der Scheermole, auf der das Schüttgut angelandet wird, befindet sich der "Tonnenhof" der Wasser- und Schifffahrtsdirektion Nord. Von hier aus werden die für die Seefahrt benötigten Seezeichen für die Ostsee zentral gelagert und eingesetzt.

Wiederum nördlich des Tonnenhofs befindet sich ein wachsendes Wohngebiet. Da vom Tonnenhof Lärm ausgeht, besteht im Verhältnis zum Wohngebiet ein möglicher Nutzungskonflikt. Um diesen zu beseitigen, gab es die Überlegung eines Ringtauschs. Der Tonnenhof hätte nach Süden auf die Scheermole verlagert werden und das Schüttgut hätte im Ostuferhafen umgeschlagen werden können.
Damit wären mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen worden:
Das Wohngebiet wäre entlastet worden und könnte weiter entwickelt werden. Die Arbeitsplätze des Tonnenhofs würden in Kiel erhalten bleiben und das für Schleswig-Holstein und Seehafen Kiel GmbH wichtige Schüttgutgeschäft bliebe ebenfalls erhalten.

Im Übrigen muss drauf hingewiesen werden, dass sowohl der Betrieb des Tonnenhofs als auch der Umschlag des Schüttguts Arbeitskräfte bindet, die für Kiel wichtig sind.

Wie vom Verfasser dieses Artikels bereits im Vorfeld der politischen Diskussion gemutmaßt, kam alles anders.
Es stellte sich heraus, dass der Ostuferhafen derzeit boomt und insofern die ins Auge gefassten Flächen für den Schüttgutumschlag nicht mehr zur Verfügung stehen.
Andere Flächen im Bereich des Ostuferhafens hätten hohe nicht rentierliche Investitionen zur Folge gehabt. Allein für die notwendige Fördertechnik hätten mehr als 3 Mio Euro investiert werden müssen. So hat denn der Aufsichtsrat der Seehafen Kiel GmbH, dessen Vorsitzender ich bin, auf Vorschlag des Geschäftsführers beschlossen:

Kein Schüttgut nach Dietrichsdorf.

Betriebswirtschaftlich wäre dies nicht vertretbar gewesen. Die oben angesprochene Standortproblematik ist damit allerdings noch nicht gelöst. Hier muss ggf. ein anderer Standort für den Tonnenhof gesucht werden.
Alle Aufregung, insbesondere der Dietrichsdorfer CDU-Opposition, die sich als "Rächer der Witwen, Waisen und Enterbten" anbiederte, war völlig umsonst. Ich persönlich habe diesen Prozess im Übrigen für rein populistisches Gehabe gehalten.
Und übrigens:
Wäre eine Verlagerung des Schüttguts nach Dietrichsdorf wirklich so schlimm gewesen?

Im Rahmen eines notwendigen Planfeststellungsverfahrens hätte zunächst die Verträglichkeit für die Bevölkerung nachgewiesen und geprüft werden müssen. Sodann wären strenge Auflagen erfolgt, die eine Gefährdung der Bürgerinnen und Bürger des Stadtteils im Rahmen des Möglichen ausgeschlossen hätten. So hätte zum Beispiel eine Berieselungsanlage installiert werden müssen, um die Flugfähigkeit des Schüttgutes zu beseitigen.
Eins sollte man bei derartigen Diskussionen nie vergessen: Es gab Zeiten, in denen mehr als 10.000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Rahmen des Werftbetriebes auf dem jetzigen Ostuferhafengelände Tag und Nacht lautstark Stahl bearbeiteten. Als HDW auf dem Ostufer seine Tore schloss, gab es erheblichen Protest wegen des Wegfalls der Arbeitsplätze - leider vergeblich. Nun ist auf diesem Areal ein Hafen angesiedelt. Dessen Aufgabe ist es, Wirtschaftsgüter umzuschlagen. Nichts anderes hätte er auch beim Umschlag von Schüttgut getan. Wir können nicht immer nur Arbeitsplätze und wirtschaftlichen Fortschritt fordern, gleichzeitig aber ungeprüft feststellen:

Aber bitte nicht vor meiner Tür!