Von unserem Ratsherrn Hans-Werner Tovar
Die Aufregung war groß, als der Ortsbeirat Neumühlen-Dietrichsdorf/Oppendorf über
das Vorhaben der Seehafen Kiel GmbH diskutierte, die Schüttgutanlandung von der Tirpitzmole in
den Ostuferhafen zu verlegen. Befürchtungen wurden laut, Dietrichsdorf könne in einem
Sandsturm "ersticken".
Vorab:
Die Aufregung war umsonst. Das Vorhaben hat sich erledigt. Es bleibt alles beim Alten.
Das Schüttgut bleibt wo es ist, nämlich auf dem Westufer.
Was steckte hinter der ganzen Angelegenheit?
Unter Schüttgut versteht man Kiesanlandungen in unterschiedlicher Körnung,
die für Bauvorhaben, insbesondere den Straßenbau benötigt werden. In Kiel
erfolgt der entsprechende Umschlag für ganz Schleswig-Holstein. Die Seehafen Kiel GmbH
verdient damit jährlich fünfstellige Beträge.
Nördlich der Scheermole, auf der das Schüttgut angelandet wird, befindet sich
der "Tonnenhof" der Wasser- und Schifffahrtsdirektion Nord. Von hier aus werden die
für die Seefahrt benötigten Seezeichen für die Ostsee zentral gelagert
und eingesetzt.
Wiederum nördlich des Tonnenhofs befindet sich ein wachsendes Wohngebiet. Da vom
Tonnenhof Lärm ausgeht, besteht im Verhältnis zum Wohngebiet ein möglicher
Nutzungskonflikt. Um diesen zu beseitigen, gab es die Überlegung eines Ringtauschs.
Der Tonnenhof hätte nach Süden auf die Scheermole verlagert werden und das
Schüttgut hätte im Ostuferhafen umgeschlagen werden können.
Damit wären mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen worden:
Das Wohngebiet wäre entlastet worden und könnte weiter entwickelt werden.
Die Arbeitsplätze des Tonnenhofs würden in Kiel erhalten bleiben und das
für Schleswig-Holstein und Seehafen Kiel GmbH wichtige Schüttgutgeschäft
bliebe ebenfalls erhalten.
Im Übrigen muss drauf hingewiesen werden, dass sowohl der Betrieb des Tonnenhofs
als auch der Umschlag des Schüttguts Arbeitskräfte bindet, die für Kiel
wichtig sind.
Wie vom Verfasser dieses Artikels bereits im Vorfeld der politischen Diskussion
gemutmaßt, kam alles anders.
Es stellte sich heraus, dass der Ostuferhafen derzeit boomt und insofern die ins
Auge gefassten Flächen für den Schüttgutumschlag nicht mehr zur Verfügung stehen.
Andere Flächen im Bereich des Ostuferhafens hätten hohe nicht rentierliche
Investitionen zur Folge gehabt. Allein für die notwendige Fördertechnik
hätten mehr als 3 Mio Euro investiert werden müssen. So hat denn der
Aufsichtsrat der Seehafen Kiel GmbH, dessen Vorsitzender ich bin, auf Vorschlag des
Geschäftsführers beschlossen:
Kein Schüttgut nach Dietrichsdorf.
Betriebswirtschaftlich wäre dies nicht vertretbar gewesen. Die oben angesprochene
Standortproblematik ist damit allerdings noch nicht gelöst. Hier muss ggf. ein anderer
Standort für den Tonnenhof gesucht werden.
Alle Aufregung, insbesondere der Dietrichsdorfer CDU-Opposition, die sich als "Rächer
der Witwen, Waisen und Enterbten" anbiederte, war völlig umsonst. Ich persönlich
habe diesen Prozess im Übrigen für rein populistisches Gehabe gehalten.
Und übrigens:
Wäre eine Verlagerung des Schüttguts nach Dietrichsdorf wirklich so schlimm gewesen?
Im Rahmen eines notwendigen Planfeststellungsverfahrens hätte zunächst
die Verträglichkeit für die Bevölkerung nachgewiesen und geprüft
werden müssen. Sodann wären strenge Auflagen erfolgt, die eine Gefährdung
der Bürgerinnen und Bürger des Stadtteils im Rahmen des Möglichen
ausgeschlossen hätten. So hätte zum Beispiel eine Berieselungsanlage
installiert werden müssen, um die Flugfähigkeit des Schüttgutes zu beseitigen.
Eins sollte man bei derartigen Diskussionen nie vergessen:
Es gab Zeiten, in denen mehr als 10.000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Rahmen
des Werftbetriebes auf dem jetzigen Ostuferhafengelände Tag und Nacht lautstark
Stahl bearbeiteten. Als HDW auf dem Ostufer seine Tore schloss, gab es erheblichen Protest
wegen des Wegfalls der Arbeitsplätze - leider vergeblich. Nun ist auf diesem Areal
ein Hafen angesiedelt. Dessen Aufgabe ist es, Wirtschaftsgüter umzuschlagen. Nichts
anderes hätte er auch beim Umschlag von Schüttgut getan. Wir können nicht
immer nur Arbeitsplätze und wirtschaftlichen Fortschritt fordern, gleichzeitig aber
ungeprüft feststellen:
Aber bitte nicht vor meiner Tür!