:Kieler Nachrichten; :Aug 3, 2004; :Kiel; :13


Alte Synagoge soll aufgewertet werden


Bauliche Zeugnisse früheren jüdischen Lebens in Kiel sind rar. Umso verwunderlicher ist es für den SPDden und Landtagsabgeordneten Rolf Fischer, dass eines dieser seltenen Relikte seit Jahrzehnten ein weithin unbeachtetes und auch ziemlich unwürdiges Dasein fristen muss. Fischer hat deshalb eine Initiative zur Aufwertung der bis 1910 genutzten Synagoge in der Haßstraße gestartet.

    Der flach bedachte Kasten schräg gegenüber der „Pumpe“ und direkt neben der „Kieler Brauerei“ ist allenfalls auf den zweiten Blick als besonderes Bauwerk zu erkennen. Wer einen Blick durchs vergitterte Fenster wirft, sieht nichts als Behälter und andere lange nicht benötigte Utensilien. Viel Staub und ein paar Abfalltonnen, das ist alles, was von einem Haus übrig geblieben ist, das einst der ganze Stolz der jüdischen Gemeinde war.

    Seit einem Jahr immerhin weist ein Schild neben der stählernen Eingangstür auf die Bedeutung dieser Mauern hin. Was aus Sicht von Rolf Fischer zwar begrüßenswert, aber keineswegs ausreichend ist. „Dieser Ort bedarf einer angemessenen Ausstattung“, fordert der Politiker, der sich für ein Bündnis aus Kirchen, Parteien, Bürgerstiftung und Stadt einsetzt. Fischer will kein monumentales Projekt, sondern eher schlichte Insignien der Erinnerung. Im Innern des nur wenige Quadratmeter großen Raumes könnten Bilder die Geschichte der Kieler Juden und ihrer Synagogen beschreiben, schlägt er vor. Ansonsten wäre mit grober Instandsetzung des Mauerwerks und etwas Farbe schon viel getan. „Das ist kein großer Aufwand“, betont Fischer.

    Seine Ideen hat er inzwischen auch Kulturdezernent Heinz Rethage in einem Brief zukommen lassen. Und der Verwaltungsmann bekennt: „Der Mann hat recht. Da muss etwas getan werden.“ Rethage hat bereits das Kulturamt und die Denkmalbehörde beauftragt, alle Fakten zusammenzutragen, die für das Anliegen von Belang sind. Das reicht von der Prüfung des baurechtlichen Status bis zur Ermittlung der Eigentumsverhältnisse. Wann und wie etwas passieren könnte, dazu mag sich Rethage wegen der noch laufenden Untersuchungen nicht äußern. In jedem Fall aber sei die Stadt „dankbar für den Anstoß“, den Rolf Fischer jetzt gegeben hat.

    Die Synagoge in der Haßstraße ist zwar die einzige teilweise erhaltene, aber nicht die erste Synagoge in Kiel. Die befand sich vielmehr in der Kehdenstraße 12. Das dort ursprünglich als Kaffeehaus der Universität genutzte Gebäude diente von 1762 bis 1869 der jüdischen Gemeinde als Gebetshaus. Beim 1869 eingeweihten Nachfolge-Bau in der Haßstraße handelte es sich ursprünglich um ein dreigeschossiges Backsteingebäude mit einem Betsaal für 85 Männer und einer Frauenempore. Kaum 30 Jahre später erwies sich die Synagoge bereits als zu klein für die rasch wachsende jüdische Gemeinde, die 1933 etwa 600 Mitglieder zählte und nach Altona die zweitgrößte in Schleswigstein war. So wurde 1909 mit dem Bau der ein Jahr später vollendeten größeren Synagoge in der Goethestraße begonnen. Das alte Haus wurde verkauft und gewerblich genutzt. Im Zweiten Weltkrieg wurde es bis auf die vorhandenen Fassadenreste zerstört.

    Wertvoll sind diese Reste dennoch. Von der neuen Synagoge am Schrevenpark ist nichts übrig geblieben, nur ein Denkmal erinnert noch an sie. Abgesehen vom jüdischen Friedhof in der Michelsenstraße ist die alte Synagoge das einzige bauliche Zeugnis der jüdischen Gemeinde in Kiel. mag


Rolf Fischer vor den Resten der ehemaligen Kieler Synagoge in der Haßstraße. Foto mag