| :Kieler Nachrichten; |
:Sep 30, 2004; |
:Kiel; |
:17 |
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Mit Gayk
ging ein Ruck durch Kiel
Morgen jährt sich der 50. Todestag – SPD plant
Ausstellung
Von
Martina Drexler
„Für unzählige
Bürger dieser Stadt ist das Leben zu einer Hölle geworden.“ Als der
Sozialdemokrat Andreas Gayk 1945 diese Zeilen schrieb, war er erschüttert über
die gewaltige Zerstörung Kiels. Vielen Menschen ist der damalige
Oberbürgermeister, dessen Todestag sich morgen zum 50. Mal jährt, als Mann des
Wiederaufbaus bekannt. Der SPD-Kreisverband plant eine Ausstellung über sein
Lebenswerk.
Während etliche Dokumente den Einsatz des Politikers für die
Demokratie belegen, fehlt noch der Blick aufs Private. Die SPD setzt dabei auf
persönliche Erinnerungen von Zeitzeugen. Nach einem entsprechenden Aufruf in den
KN trudelte im Kreisbüro so mancher Briefumschlag ein – sehr zur Freude des
Kreisvorsitzenden Rolf Fischer: Fotos, Abschriften oder persönliche Briefe – all
das soll in eine Ausstellung fließen, die die Partei vorbereitet zum Gedenken an
den Sohn eines Werft-Tischlers, der 1893 in Gaarden geboren wurde. Nach einer
kaufmännischen Ausbildung trieb es Gayk, der 1918 dem Soldatenrat angehörte und
später die Kinderrepublik Seekamp gründete, in den Journalismus. 1932 forderte
der damalige Lokalredakteur der Schleswig-Holsteinischen
Volkszeitung in
Kiel zum bewaffneten Widerstand auf. Nach einer vorübergehenden Festnahme durch
die Nazis 1933 tauchte er in Berlin unter, wo er sich während des Zweiten
Weltkrieges als Hilfspolizist und Pharmavertreter durchschlug. „Das Huhn, das
sich nach Berlin verirrt hatte, ist inzwischen den Weg allen Fleisches
gegangen“: So beginnt ein der SPD zugeschickter Dankesbrief aus dieser Zeit an
eine ihm bekannte Kronshagener Familie. Immer wieder gelang es Gayk eingedenk
zahlreicher Briefkontrollen der Nazis, zwischen den Zeilen seine Besorgnis über
die politische Entwicklung durchklingen zu lassen: „Fleisch soll es ja in
nächster Zeit noch weniger geben. Dabei laufen hier soviel Schweine herum, aber
die werden natürlich nicht geschlachtet.“ Und: „Geist ist sehr selten geworden.
Ich meine den, der aus Flaschen gezogen wird, von dem anderen wollen wir lieber
nicht reden.“
Der Zweite Weltkrieg nahm Gayk
nicht nur den Beruf, sondern auch die beiden Söhne. Sein beharrlicher Wille ließ
ihn nach seiner Rückkehr nach Schleswig-Holstein im April 1945 zum
einflussreichsten Sozialdemokraten im Norden aufsteigen: Er leitete die
Landtagsfraktion und wurde im Herbst 1946 Kiels Oberbürgermeister. Mit
Leidenschaft habe sich Gayk gegen die Demontagepläne der britischen
Besatzungsmacht gewehrt, würdigt die Stadtverwaltung den Mann, mit dem die
Kieler „Aufbruchstimmung verbinden“. Er organisierte einen freiwilligen
Aufräumdienst. Waren die Trümmer fortgeschafft, ließ er Bäume pflanzen. Noch
heute stehen Bäume der zweiten Generation der nach ihm benannten „Gayk-Wäldchen“
an der Koldingstraße.
Er war unermüdlich,
erinnerte sich mal sein persönlicher Referent Albert Witte: „Dabei konnte er
sehr schroff sein“ – eine Eigenschaft, die wohl so manchen Mitarbeiter vor ihm
zittern ließ. Unerbittlich war der Schwerkranke auch gegen sich selbst: Trotz
großer Schmerzen lehnte er Morphium ab, weil ihn die „Medikamente bei der Arbeit
und Entscheidung“ für Kiel beeinträchtigten. „Viel beschäftigte Männer“, schrieb
Gayk ein halbes Jahr vor seinem Tod einsichtig an Irmgard Fuchs, die Frau des
damaligen Bürgermeisters Herbert Fuchs, „sind in persönlichen Dingen oft
unzuverlässig“. Gayk, der ihr für die Aufmerksamkeiten während seines
Krankenhausaufenthaltes
dankte, hoffte, noch im Juni „die Geschäfte“
wieder aufnehmen zu können: „Damit würde Ihr Mann zugleich von einer Bürde
befreit, die auf die Dauer zu schwer für ihn werden würde.“
Auch diesen Brief aus einer Privatsammlung
hortet Fischer, der Gayk als „prägende Gestalt der SPD“ verehrt, wie einen
Schatz: Gayk habe Hervorragendes geleistet, nicht nur beim Aufbau der
politischen Kultur, sondern auch bei der Lösung von Alltagsnöten. In seinem
politischen Testament bekannte Gayk: „Ich bin, solange ich geistig mündig war,
Sozialist gewesen, und ich bin es auch heute noch, und ich bin stolz darauf.“
Alle diese Dokumente dienen auch zur Vorbereitung eines dreibändigen Werkes der
Geschichte der Kieler SPD.
• „Andreas Gayk und seine Zeit“ heißt der
Abend heute um 18.30 Uhr in der Räucherei, zu dem die SPD einlädt. Die Stadt
gedenkt des früheren Oberbürgermeisters morgen mit einer Kranzniederlegung um 9
Uhr auf dem Urnenfriedhof auf Gayks Grab (Feld 45).

Andreas Gayk verkörperte den Wiederaufbau in Kiel: Zusammen
mit der Ratsversammlung trieb er den Bau von 78 Wohnungen in der Preetzer
Straße/Ostring/Kirchenweg an. Grundsteinlegung war im Oktober 1949.
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Als Kieler Oberbürgermeister wurde Andreas
Gayk am 18. Oktober1946 (vorne links) durch Alterspräsident Husfeld vereidigt.
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Rolf Fischer freut sich über den Rücklauf
persönlicher Erinnerungen an den damaligen Oberbürgermeister. Foto JKK