Zwei Wochen im Landtag

Ach, was wäre es einfach, jetzt einen null-acht-fünfzehn Praktikumsbericht zu schreiben! Einmal kurz abtippen was ich so gemacht habe, ob ich das „gut“ oder „schlecht“ fand. So wie man das eben in der Schule gelernt hat.
Tatsächlich finde ich aber, dass es der Sache nicht gerecht werden würde, denn es handelt sich erstens nicht um ein normales Praktikum und zweitens entspricht eine solch trockene Herangehensweise nicht meinen persönlichen Ansprüchen. Außergewöhnlich ist das Praktikum deswegen, weil man tatsächlich nicht nur einen Beruf kennenlernt, sondern vor allem einen Menschen. Jeder kann ein Praktikum im Fitnessstudio machen und dann sagen: „Jap! Ich weiß jetzt was ein Fitnesstrainer so macht. Das werde ich später auch!“. Jetzt zu sagen, ich begänne eine Ausbildung zum Politiker geht nicht.
Jeder der Abgeordneten, die ich kennen lernen konnte, hat seine eigene Art mit Themen, Terminen und Mitmenschen umzugehen, denn ihr Weg in den Landtag hat sich höchst individuell, über Jahre und Jahrzehnte durch Gemeinde- oder Kreispolitik gewunden. Eine Arbeit aus Überzeugung, denn viel Geld verdienen kann man im Ehrenamt nicht. Die PolitikerInnen geben (Groß-)Teile ihrer Freizeit auf für das Gemeinwohl. Ich habe also nicht den Politikerberuf kennengelernt, sondern Beate, ihr Mitwirken am Entstehungsprozess von Gesetzen, Verabredungen und Ideen. Außerdem konnte ich einen spannenden Einblick in die restliche SPD-Fraktion gewinnen. Wie laufen die Sachen ab? Durch welche Hände gehen Gesetze, Reden oder Berichte, bevor sie in einer Plenarsitzung landen? Wie sind die sonstigen Politiker so drauf?
Tatsächlich haben sich all meine Erwartungen, die an solche Fragen geknüpft sind, erfüllt, denn ich konnte bei den meisten Ausschüssen und sonstigen Sitzungen in der zweiten Reihe sitzen und sie miterleben. Ich konnte also beobachten, wie ein Ralf Stegner oder Torsten Albig in einer nicht-öffentlichen Runde, wie den Fraktionssitzungen, so drauf ist. Sich dann ein Urteil zu bilden ist schon etwas ganz anderes, als nur über die Mattscheibe das politische Geschehen zu verfolgen.
Ohne mich in Details zu verlieren, konnte ich hierbei zunächst feststellen, dass es eben nicht nur die Abgeordneten sind, die die wichtige Arbeit leisten. Sie sind zwar an erster Front und die Entscheidungsträger, doch ohne die Referenten, Sekretärinnen oder den Geschäftsführer, die technische Hilfskraft oder die studentischen Mitarbeiterinnen würde vermutlich wenig laufen. Diese Angestellten stellen die Infrastruktur, damit z.B. Beate ihren Teil der Arbeit angemessen erledigen und angehen kann.
Enttäuschend für den einen oder anderen mag es sein, wenn ich jetzt erzähle, dass Beate und ich morgens nicht von der Limousine abgeholt wurden. Tatsächlich fahren die meisten Abgeordneten -wie auch wir- früh morgens von allen Teilen des Landes mit der Bahn nach Kiel. Sie ziehen es vor, in ihrem Wahlkreis wohnen zu bleiben, denn dort leben schließlich auch die Menschen, die sie im Landtag vertreten. In den eineinhalb Stunden, die man dann unterwegs ist, kann man gut den Tag vorbereiten. Entwürfe lesen, die Nachrichten durchgehen oder Mails überfliegen. Wenn es ab dem Bahnhof schnell gehen muss, wird auch mal das Taxi genommen, aber in der Regel war es dann doch der Bus – schont die Umwelt, hat mir mal jemand erzählt. Ab Ankunft im Landtag schien die Zeit förmlich zu fliegen. Es ist wirklich erstaunlich, wie die Zeit vergeht, wenn man alle 2-3 Stunden von einem Termin in den nächsten huscht, pünktlich (!) um zwölf essen (!) geht und dann genau so weitermacht wie am Vormittag. Zwischendurch wird immer wieder mal was ausgedruckt, gelesen, die Post geholt, gelesen und auch mal telefoniert.
Allgemein vergisst man glaube ich schnell, wie viel die Menschen in der Fraktion auch zwischen den entsprechenden Runden miteinander reden und produktiv arbeiten. Standpunkte werden gefunden, (taktische) Herangehensweisen ausgefuchst und Koalitionsabsprachen vorbereitet. Alles nebenher, versteht sich.
Mal gab es Tage, an denen nur eine, zwei Sitzungen waren. An sich darf ich aber wohl schon behaupten, dass der Terminkalender ganz schön vollgepackt war, denn die Arbeit hört nicht mit Verlassen des Kieler Landtages auf. Es gibt schließlich auch noch den Wahlkreis.
Bei Beate bedeutet das -wenn möglich- bei größeren Veranstaltungen in Elmshorn, den Dörfern drum herum, aber auch Pinneberg dabei zu sein. Natürlich vor allem wenn Landesthemen mitbehandelt werden.
Nicht zu vergessen auch der SPD-interne Kontakt zwischen den verschiedenen Ebenen: Land, Kreis und Kommune sind in vielen Fragen unweigerlich miteinander verwoben. Auch hier muss kommuniziert werden, und am besten geht das persönlich.
Über die persönlichen Momente will ich hier eigentlich nichts verlieren, aber wenn ich um halb elf feststelle, dass ich um halb sieben aufgestanden bin und somit 16 Stunden nur mit meinem Praktikum beschäftigt war, dann heißt das für den oder die Abgeordneten das gleiche, nur dass man statt „zweiwöchigen Praktikum“ „Arbeitsalltag“ einfügen kann. Es ist faszinierend, wie viel Zeit die Menschen in ihren Job investieren, auch zum Wohl der Gesellschaft.
Tatsächlich konnte ich für mich festhalten, dass Politiker zu sein heißt, dass man das, was man zuvor aus Leidenschaft gemacht hat, nun zum Beruf machen konnte. Wie soll man sich sonst in angemessener Form mit den teilweise hoch ethischen und komplexen Fragen auseinandersetzen? Wie soll man sonst den vollgestopften Tag mit (meistens) guter Laune überstehen?
In der Tat sind mir nahezu alle Leute im Landtag super offen begegnet, haben interessiert gefragt wer ich bin, was ich so für mein Leben plane, was ich von der einen oder anderen politischen Situation halte, oder haben einfach auch nur nett „Guten Morgen“ gesagt – jeden Morgen. Im Gegensatz zu so mancher Meinung von entfernten Bekannten sind Politiker eben nicht irgendwelche Halsabschneider, sondern ganz normale Leute. Jedenfalls die der Koalition – die anderen hab ich nicht so viel gesehen.
Im Großen und Ganzen möchte ich mich bei Beate für den spannenden Einblick in ihr politisches Leben bedanken! Zwei Wochen waren klasse zum Schnuppern, nicht so zum Mitarbeiten. Aber was soll man machen; bin schließlich kein Kieler. Vielleicht gibt es ja bald ein freiwilliges politisches Jahr in der SPD-Fraktion? #augenzwinker
(Marcello Hagedorn)