Kritischer Blick auf ein schulpolitisches Vorbild

Der Arbeitskreis Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur der SPD-Landtagsfraktion hat mit fünf Abgeordneten und einem Referenten in der vergangenen Woche die finnische Hauptstadt Helsinki besucht und dort neben einem breiten kulturellen Besichtigungsprogramm eine Reihe von Gesprächen zur finnischen Schulpolitik geführt. Der Arbeitskreisvorsitzende Martin Habersaat fasst die Ergebnisse der Reise zusammen:

Nachdem Finnland in den ersten PISA-Tests in allen Bereichen hervorragend abgeschnitten hatte, begaben sich ganze Pilgerzüge auf den Marsch in das Ostseeland. Fünfzehn Jahre nach dem „PISA-Schock“ wollten wir vor Ort erfahren, wie es dort mit den Schulen weitergeht.

Finnland ist so groß wie Deutschland, hat aber nur doppelt so viele Einwohner wie Schleswig-Holstein; die meisten großen Städte liegen an der Südküste. Das hat schon in den 70er Jahren den Ausschlag dafür gegeben, das gegliederte Schulwesen durch eine Gemeinschaftsschule für die Jahrgänge 1 bis 9 zu ersetzen. Diese Entscheidung ist politisch nicht umstritten; auch die Bildung einer Mitte-Rechts-Regierung vor einem Jahr hat daran nichts Entscheidendes geändert.

Aber auch Finnland macht Entscheidungen von finanziellen Notwendigkeiten abhängig. So müssen die Hochschulen mit deutlich sinkenden Zuschüssen zurechtkommen, und die Diskussionen in Deutschland um eine kostenfreie Kindertagesstätte gibt es in Finnland gar nicht erst.

Bemerkenswert ist, dass der Run auf die Lehramtsstudiengänge so hoch ist, dass nur die besten 10 % der Studienbewerber überhaupt zum Zuge kommen. (Anders als in Deutschland gibt es keinen verbürgten Rechtsanspruch auf den Zugang zu staatlich organisierten Ausbildungswegen.) Daher brechen nur sehr wenige Lehramtsstudenten ihr Studium ab oder wechseln zu einem anderen Abschluss. Somit ist von vornherein eine hohe Qualifikation der künftigen Lehrkräfte garantiert.

Die große Beliebtheit des Lehrerberufes liegt offenbar in der hohen Akzeptanz der Pädagogen in der finnischen Gesellschaft, nicht jedoch im materiellen Anreiz. Es ist erstaunlich, wie gering die Bruttoeinkommen angesichts der in Finnland sehr hohen Lebenshaltungskosten sind, insbesondere bei den von Frauen dominierten Pädagogen in Kindergärten und Grundschulen.

Angesichts der Reform der Lehrerbildung, die wir vor zwei Jahren beschlossen haben, waren wir überrascht zu hören, dass die Lehramtsstudierenden erst nach einer Reihe von Jahren aus der Rolle des Beobachters in die des Lehrers überwechseln dürfen.

Unsere finnischen Gesprächspartner haben immer wieder betont, dass ihr System vom Grundsatz des Vertrauens geprägt ist. Deshalb wird auf systematische Evaluationen verzichtet. Aus unseren Erfahrungen liegt darin das Risiko, dass Lehrer und Schulleiter nicht auf systematische Unterstützung durch die Bildungsverwaltung setzen dürfen, sondern mit der Lösung ihrer Probleme weitgehend alleingelassen werden.

Obwohl das kostenfreie Vorschuljahr erst im vergangenen Jahr verpflichtend eingeführt wurde, lag die freiwillige Beteiligung bereits vorher bei rund 99 %. Unsere Gesprächspartnerinnen und -partner beklagten, dass sich die meisten finnischen Eltern gegenüber der Arbeit der Schule passiv verhalten.

Finnland setzt ebenso wie wir auf Inklusion. Schülerinnen und Schüler mit besonderem Förderbedarf erhalten aufgrund individueller Lernpläne zusätzliche Unterstützung. Statt getrennter Schulen werden bei Bedarf eigene Klassen innerhalb der Regelschulen eingerichtet.

Die politische Konsensorientierung findet dadurch ihren Ausdruck, dass die zentrale Bildungsverwaltung aus zwei Säulen besteht, dem Bildungsministerium und dem Zentralamt für Unterrichtswesen.

Aus kulturpolitischer Sicht ist nicht nur die hervorragend erhaltene Bausubstanz der Innenstadt von Helsinki ein Highlight; die Stadt hat eine große Zahl von spannenden Museen und Ausstellungen, besonders im Bereich der Kunst und des Designs. Dem stehen eher „konservative“ Ausstellungsgestaltungen wie die des historischen Nationalmuseums gegenüber, das als solches einen guten Einblick in die Entwicklung des finnischen Nationalbewusstseins im 19. Jahrhundert bietet, als Finnland ein Großfürstentum innerhalb des russischen Zarenreiches war.

Die Abgeordneten werden sich darum bemühen, die Arbeitskontakte nach Finnland zu intensivieren und den Erfahrungsaustausch fortzusetzen. Beide Seiten können viel voneinander lernen!