SPD-Kreistagsfraktion Rendsburg-Eckernförde

Kreishafen Rendsburg zum „Sicheren Hafen“ erklären

Veröffentlicht am 19.06.2019, 20:36 Uhr     Druckversion

Rede von Renate Brunkert zur Kreistagssitzung am 17.06.2019 zu TOP 10:
Kreishafen Rendsburg zum "Sicheren Hafen" erklären

 

Das Thema Flüchtlingsschiffe begleitet mich schon mein ganzes Leben lang, genauer:  71 Jahre.

Meine Mutter und auch meine spätere Schwiegermutter waren auf der Flucht. Endlich der ersehnte Hafen … doch das Schiff hatte bereits abgelegt. Wenig später ging das verpasste Schiff mit 7.956 offiziell registrierten Menschen und geschätzten weiteren 2.500 Flüchtlingen unter. Es waren hauptsächlich Frauen und Kinder an Bord der Wilhelm Gustloff.

Viele fragten sich später,  ob die Versenkung ein Kriegsverbrechen war oder eine heimtückische Tat.  Man war sich aber einig: das darf nie wieder passieren. Gott sei Dank, sind wir heute noch nicht soweit, dass Flüchtlingsschiffe im Mittelmeer versenkt werden. Aber sie sinken und Menschen ertrinken Was zwischenzeitlich passiert,  ….. warum sind wir wieder so hartherzig geworden, …. warum haben wir vergessen??

In  der offiziellen Eintragung von Yad Vashem aus 1993 heißt es über einen Kapitän Gustav Schröder: „Schröder war Kapitän des HAPAG-Passagierschiffs, St. Louis‘. Das Schiff war 1939 mit über 900 jüdischen Flüchtlingen an Bord von Hamburg nach Amerika gefahren, dort wurden sie aber sowohl von Kuba wie auch von den USA abgewiesen. Zurück in Europa, unternahm Schröder alles, um nicht nach Deutschland zurückkehren zu müssen und den Flüchtlingen dort ihrem ungewissen Schicksal zu überlassen; er erwog sogar, das Schiff vor Großbritannien auf Grund zu setzen. Schließlich erklärten sich verschiedene Länder bereit, die an Bord befindlichen Juden aufzunehmen.“

Ähnliche Begebenheiten lesen wir heute wöchentlich, aber mit einem gravierenden Unterschied. Heute werden die Retter kriminalisiert.  

Was ist in der Zwischenzeit passiert,  ….warum sind wir wieder so hartherzig geworden, …. warum haben wir vergessen???

Die "Lifeline" hatte im Juni 2018 vor der libyschen Küste 234 Flüchtlinge gerettet und war danach tagelang über das Mittelmeer geirrt, weil Italien und Malta dem Schiff das Anlegen verweigert hatten. Schließlich durfte das Schiff in Malta vor Anker gehen, der Kapitän Claus-Peter Reisch wurde jedoch festgehalten und zu einer Geldstrafe verurteilt, weil er die Menschen nicht alle ertrinken lassen wollte.

Was ist in den vergangenen Jahren passiert…. Warum sind wir wieder so hartherzig geworden, …. warum haben wir vergessen?     

Vor 70 Jahren versuchten 4000 jüdische Überlebende der Scho'ah von Frankreich aus per Schiff über das Mittelmeer ins Mandatsgebiet Palästina zu gelangen. Doch die englischen Kriegsschiffe griffen die Flüchtlinge an und schickten schließlich die Passagiere des Schiffes  ausgerechnet nach Deutschland. Die Reise dieser Menschen wurde zu einem Alptraum. Die Ankunft in Lübeck schockierte viele KZ-Überlebende – waren sie doch der Judenvernichtung nur knapp entronnen. Der Spiegel schrieb: Flüchtlingsschiff "Exodus“   Aus der Hölle in den Alptraum.  

2019 in der Exodus-Ausstellung im Jüdischen Museum diskutierten wir über das Warum. Was ist in den vergangenen Jahren passiert?  Warum sind wir wieder so hartherzig geworden …. und warum haben wir vergessen?

Da hört man heute aber auch. „Ja, aber heute ist es doch etwas anderes, ….. die ganzen Wirtschaftsflüchtlinge. Die kommen hier her und wir müssen die durchschleppen….“

„Wirtschaftsflüchtlinge“. Was für ein abwertendes Wort. Korrupte Regierungen tragen in den  Ländern südlich des Mittelmeeres zur Perspektivlosigkeit gerade der jungen Menschen bei und machen dort jeden Entwicklungsfortschritt zunichte. Unsere Handelsabkommen befördern das auch noch. Wir exportieren unsere Agrarüberschüsse zu subventionierten Dumpingpreisen und entziehen den Menschen dort ihre Lebensgrundlage.

Ich bin in diesem Frühjahr 14 Tage mit dem Auto durch Tunesien gefahren fernab von den Touristenzentren und habe dabei den Alltag erfahren. Ich habe gleichermaßen ihre Armut und ihre Gastfreundschaft erlebt. Und ich habe mich geschämt für unseren Egoismus, der zwar nicht alleine, aber mitverantwortlich ist für deren Elend. Da bekommt das Wort „Wirtschaftsflüchtling“ einen bitteren Beigeschmack.

Was ist in den vergangenen Jahren passiert, … warum sind wir wieder so hartherzig geworden, …. warum haben wir wieder vergessen?? Und warum haben wir vor allem vergessen, wie es uns nach dem 2. Weltkrieg ging, als wir nur durch die internationale Solidarität Hunger, Not und Elend überwunden haben?  Wir haben gerade „70 Jahre Luftbrücke“ zur Rettung von Berlin abgefeiert. Und wir akzeptieren die Vernichtung von Lebensmitteln, die anderswo fehlen.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Gilt das nur für uns Deutsche? Vielleicht nur für Europäer? Nein, das gilt für alle Menschen! Auch für die Menschen südlich des Mittelmeeres, die ihre Heimat verlassen, weil sie dort keine Lebensperspektive haben. Dafür sind auch wir mitverantwortlich!

Auf meiner Fahrt hatte mich noch gewundert,  dass nach einer Straßenabzweigung mir sehr viele vollbesetzte libysche Fahrzeuge entgegen kamen. Als ich die ersten Hubschrauber gehört hatte und plötzlich Panzer in Reih und Glied aufgereiht standen, die Rohre in meine Fahrtrichtung ausgerichtet, wurde mir klar: Meine Güte, du fährst gemütlich durch ein Bürgerkriegsgebiet. Das waren eben alles Flüchtlinge. In 120 km Entfernung ist Krieg.  Das waren in der Woche gerade mal 200 Tote.

Ich wurde angehalten,  die Papiere abgenommen, ich bekam unfreiwillig eine bewaffnete Leibgarde. Dann der Gedanke: „Was machst du, wenn einer dieser Herren googelt?“. Schnell würden sie mich mit den Queers in Verbindung bringen   und dann… ja dann brauchte ich mir für die nächsten 3 Jahre keine Gedanken über eine Unterkunft und Verpflegung zu machen. Ich sitze dann im Gefängnis. Ich verstehe, warum Menschen auch aus diesen doch so sicheren Maghrebstaaten fliehen.

Nach 16 Stunden Zwangsaufenthalt durfte ich zurückfahren in das Hinterland des Bürgerkriegsgebietes, wo sich die Flüchtlinge sammelten, die überlebt hatten.

Der Papst hat die Staatengemeinschaft dringend zum Handeln gegen das Sterben im Mittelmeer aufgerufen. Es spricht von dramatischen Nachrichten und bittet, entschlossen und schnell zu handeln, damit sich derartige Tragödien nicht wiederholen und die Achtung der Rechte und der Würde aller garantiert sind.

Lassen sie uns nicht hartherzig sein und lassen sie uns nicht vergessen. Lassen sie uns heute gemeinsam, fern ab von allen bundespolitischen Linien den Kreishafen zum „Sicheren Hafen“ erklären.

 




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