SPD-Holtsee

Bauliche Entwicklung 89

Bis ins letzte Jahrzehnt war die Antwort auf diese Frage klar:

Wir weisen neue Baugebiete aus und schöpfen dabei den gesetzlichen Rahmen komplett aus. Diese Maßnahmen waren auch in der Vergangenheit in Holtsee erfolgreich, das zeigen u.a. die letzten Baugebiete Karkenn, Kiekut und Wolfskoppel.

Aber können wir in der Zukunft so weiter machen?

Müssen wir nicht die Ziele der Gemeinde und die bestehenden Umgebungsbedingungen neu betrachten und bewerten, weil sich sehr viel verändert hat?

  • Baugebiete haben sich beispielsweise früher beinahe „selbst verkauft“. Heute gibt es starke Konkurrenz der Grundstücksangebote und damit immer mehr unverkaufte Bauflächen und vermehrt stehen ältere Häuser länger zum Verkauf.
  • Aspekte des Umweltschutzes finden immer stärkere Berücksichtigung: Erhalt der Bodenfunktion, Vermeidung von Flächenversiegelung, Vermeidung von Lärmbelastung z.B. durch Verkehr, Grundwasserschutz, Biotopschutz, Erhalt und Förderung der reichhaltigen, vielfältigen und gegliederten Kulturlandschaft.

Klar ist, dass die Gemeinde geeignete Maßnahmen mit der Zielsetzung planen muss, die

  • soziale und wirtschaftliche Infrastruktur der Gemeinde zu sichern,
  • den Standard der Lebens- und Wohnsituation unserer Bürgerinnen und Bürger zu erhalten,
  • das aktive Dorfleben innerhalb der Gemeinde Holtsee lebendig zu gestalten.

Vor die weitere Betrachtung stellen wir einige entscheidende Fakten:

  1. Die Bevölkerungs­entwick­lung in Schleswig-Holstein (und auch in Gesamtdeutschland) ist insgesamt rückläufig. Für den Kreis Rendsburg-Eckernförde ist dabei eine Stagnation bis 2020 zu erwarten (Quelle: Schleswig-Holstein im demographischen Wandel - Landesregierung Schleswig Holstein, 2005).
  2. Bis 2020 wird ein Anstieg der über 60-Jährigen auf 30% Anteil an der Gesamtbevölkerung erwartet. Gleichzeitig wird im Kreis Rendsburg-Eckernförde ein Rückgang des Anteils der unter 20-Jähriger um 21% erfolgen.
  3. Unsere Amtsverwaltung prognostiziert für die Gemeinde Holtsee auf Grund von Daten des Statistik Amtes Nord bei durchschnittlicher Entwicklung vom 30.6.10 bis 30.6.25 einen Rückgang um 60 Einwohner, entspricht ca. minus 4,3%. Der Anteil der über 40-jährigen ist nach derselben Prognose vom 30.6.05 bis 30.6.10 um 9,7% auf 55,83% gestiegen. Entsprechend gesunken ist der Anteil der Jüngeren. Der Anteil junger Menschen an der Bevölkerung Holtsees ist rückläufig, gleichzeitig nimmt der Anteil älterer Menschen über 60 Jahren zu.
  4. Aus der Alterung der Bevölkerung resultiert zunächst noch eine Zunahme der Zahl der Haushalte. Dabei werden jedoch immer weniger junge Menschen in den Haushalten leben.
  5. Die Zahl der Erwerbspersonen nimmt ab.
  6. Die steigende Lebenserwartung bedingt einen zunehmenden Bedarf nach Hilfestellungen, Betreuungsleistungen und Pflege sowie altengerechtem Wohnraum.
  7. Zum Erhalt der sozialen Einrichtungen wie Kindergarten und Schule müssen sie auch von einer ausreichenden Anzahl Kindern besucht werden.
  8. Die Gemeindeeinnahmen sind im Wesentlichen von den Einkommensteueranteilen abhängig. Für die Gemeinde ist also ein hoher Anteil noch aktiv erwerbstätiger Menschen wünschenswert.

Die wohl wichtigsten Fragen daraus lauten:

  • Können wir für Holtsee die Trends stoppen, damit der Anteil jüngerer Menschen in unserer Gemeinde nicht weiter sinkt?
  • Durch welche Maßnahmen gelingt es uns, den Erhalt der sozialen Einrichtungen wie z.B. Kindergarten und Schule in Holtsee langfristig zu sichern?
  • Wie können wir erreichen, dass die wichtigste Einnahmequelle der Gemeinde, nämlich der Gemeindeanteil an der Einkommensteuer, erhalten bleibt?

Zur Lösung dieser offenen Fragen gibt es eine Mischung unterschiedlicher Maßnahmen, die sich teilweise ergänzen und teilweise widersprechen.

Für den langfristigen Erhalt von Schule und Kindergarten bieten sich prinzipiell zwei Maßnahmen an:

  1. Kooperationen bzw. gemeinsame Verbände mit (weiteren) anderen Gemeinden oder
  2. gezieltes „Anwerben“ junger Familien nach Holtsee

Die Maßnahme a) muss ernsthaft verfolgt werden. Für die Maßnahme b) muss Holtsee attraktiv sein und genügend Wohnraum zur Verfügung stehen. Das können alte Häuser sein, die zum Verkauf stehen oder Neubauten durch die Ausweisung neuer Bauplätze.

Neue Bauplätze können ausgewiesen werden durch eine Innenverdichtung bzw. Lückenbebauung oder durch Ausweisung neuer Baugebiete.

Wegen der Veränderung in Anzahl und Altersstruktur der Bevölkerung ist abzusehen, dass laufend immer mehr ältere Häuser zum Verkauf stehen. Das Saarland weist u.a. deshalb als Konsequenz keine Neubaugebiete mehr aus.

Tendenzen in Holtsee zeigen, dass gerade ältere Mitbürgerinnen und Mitbürger ihr Wohneigentum verkaufen, um ihren Alterswohnsitz in der Stadt zu nehmen.

Tun sie das, weil es in Holtsee kein adäquates Angebot für sie gibt oder weil sie Teil einer allgemein festzustellenden Landflucht sind? Welche Lösungen kann die Gemeinde hier bieten?

Wenn wir junge Familien gewinnen wollen, müssen wir uns immer wieder fragen, woher wir die Sicherheit nehmen, attraktiver zu sein als die umliegenden Gemeinden. Unser Erfolg bei diesen „Werbemaßnahmen“ wird immer zu deren Lasten gehen.

Zumindest ist sicher, dass die geografische Lage von Holtsee im Dreieck Kiel, Eckernförde und Rendsburg gut ist, um auch bei festem Wohnsitz in Holtsee die Möglichkeit für Arbeitswechsel zu nutzen. Schulen können in allen drei Städten ohne Probleme erreicht werden, so dass Holtseer SchülerInnen echte Alternativen bei der Schulwahl haben.

Für die Gemeinde entstehen keine zusätzlichen Infrastrukturkosten, wenn junge Familien ältere Bausubstanz nutzen oder Grundstücke bebauen, von denen Gebäude abgerissen wurden. Interessenten empfinden oft als Nachteil, dass ihnen die freie Wahl der Gestaltung fehlt. Vorteil für Käufer ist, dass Altbauten im Regelfall schneller beziehbar sind als Neubauten, dass nur geringer Erschließungsaufwand entsteht und dass weitere Investitionen schrittweise erfolgen können.

Kann die Gemeinde dafür etwas tun, dass Altbauten bzw. bebaute Grundstücke auch für junge Familien interessanter werden? Kann z.B. durch die Förderung attraktiven Wohnraums für Ältere, die teilweise mit 1- 2 Personen große Häuser bewohnen, ein größeres Angebot an Altbauten erreicht werden?

Die Alternative „langfristiger Leerstand“ oder viele „Zu verkaufen“-Schilder macht eine Gemeinde andererseits wieder unattraktiv.

Die Ausweisung und Erschließung weiterer Baugrundstücke kann für die Gemeinde Holtsee die Gefahr mit sich bringen, wegen der aktuell sehr geringen Nachfrage nach Baugrundstücken diese nicht zeitnah verkaufen zu können und damit die vorfinanzierten Erwerbs- und Erschließungskosten über einen längeren Zeitraum mit erheblichem Aufwand vorfinanzieren  zu müssen. Außerdem kann ein Nebenergebnis von unverkäuflichen Baugrundstücken sein, dass eine Wertminderung der vorhandenen Bausubstanz erfolgt.

Neue Baugrundstücke bieten für Käufer verschiedene Vorteile. So kann hier bei der Erstellung eine moderne energiesparende Bausubstanz erreicht werden und auch individuelle Planungen im Rahmen der Bebauungspläne umgesetzt werden. Neue Baugebiete sind derzeit für Käufer meist kostengünstig, weil die Gemeinden bisher die sogenannten „Schattenkosten“ nicht umlegt. Gemeint sind damit die langfristigen gemeindlichen Folgekosten, z.B. aus der Erweiterung von Wasser und Abwassersystemen, und ökologische Kosten aus den Eingriffen in die Natur und Flächenverbräuche und -versiegelungen.

Für die in der Gemeinde bereits Lebenden können zusätzliche Einwohner zusätzliche Belastungen an Verkehrslärm bedeuten. Andererseits sind größere Gemeinden auch wieder attraktiver für die Niederlassung von Ärzten und weiterem Gewerbe (mit den daraus resultierenden Vor- und Nachteilen).

Die Ausweisung neuer Grundstücke im Rahmen einer Lückenbebauung/Innenverdichtung bietet für die Gemeinden im Regelfall die entschieden günstigere Variante gegenüber Ausweisung neuer Baugebiete und lässt auch keine zusätzlichen ökologischen Kosten entstehen.

Zusammenfassung

Für den Erhalt der Infrastruktur sowie einer auskömmlichen Einnahmebasis der Gemeinde ist vor allem eine ausgeglichene Altersstruktur der Bevölkerung und nicht eine zahlenmäßige Zunahme der Bevölkerung erforderlich.

Besonders der einheimischen jungen Bevölkerung muss ein ausreichendes Wohnraumangebot gemacht werden. Ebenso sollte Zuzugswilligen die Möglichkeit zur Ansiedlung gegeben werden.

Innenverdichtung ist eine pragmatische Lösung, die qualitative Entwicklung des vorhandenen Wohnbestands mittelfristig notwendig.

Mit der Ausweisung eines Neubaugebietes außerhalb des Dorfkerns kann zwar im günstigen Fall ein Zuwachs junger Familien erfolgen. Nebenergebnis kann sein, dass dadurch gleichzeitig Leerstand und Werteverlust im Altbaubestand des Dorfkerns entsteht. Die sozialen  und ökologischen Folgekosten eines Neubaugebietes müssen  ermittelt und den Grundstückspreisen zugeschlagen werden, um echte Vergleichbarkeit der Alternativen zu haben.

Kooperationen mit umliegenden Gemeinden, die sich nicht nur auf Schule und Kindergarten beziehen, werden notwendig, um Konkurrenz zu vermeiden.

Hubertus Fiedler, Jens-Peter Frank, Ingo Ratajczak, Hartmut Trimpler

 
Serpil Midyatli, MdL
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Sönke Rix (MdB)
Ulrike Rodust (MdEP)

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