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Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit schaffen!

Veröffentlicht am 27.04.2012, 19:49 Uhr     Druckversion

Zur Gro├čen Anfrage "Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund im Bildungssystem
Schleswig-Holsteins" erkl├Ąrt die kinder- und jugendpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion, Serpil Midyatli, in der Landtagssitzung vom 27.04.2012:

Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit schaffen!
Die Antwort der Landesregierung, f├╝r die ich mich bei den beteiligten Ministerien und ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bedanke, zeigt sehr deutlich: Trotz aller Fortschritte bleibt noch sehr viel zu tun, wenn wir eine echte Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit in unserem Land erreichen wollen. Darin deckt sich die Antwort der Landesregierung mit dem k├╝rzlich vorgestellten Nationalen Aktionsplan Integration der Bundesregierung.

Aus meiner Sicht sind es drei Handlungsfelder, vor denen wir stehen:

┬Ľ die Beherrschung der deutschen Sprache,
┬Ľ die Integration und Inklusion in den Regelunterricht und
┬Ľ die Gleichstellung bei den Schulabschl├╝ssen.

Dass man Deutsch beherrschen muss, um die Schule mit Erfolg absolvieren zu k├Ânnen und um in der Gesellschaft und auf dem Arbeitsmarkt gleichberechtigt zu sein, gilt nicht nur f├╝r Menschen mit Migrationshintergrund, sondern f├╝r alle. Erzieherinnen und Erzieher sowie Grundschullehrerinnen und -lehrer k├Ânnen ein Lied davon singen, wie schlecht die Sprachf├Ąhigkeit auch vieler Kinder aus ethnisch deutschen Familien ist.

Es war deshalb eine richtige Entscheidung, die Feststellung der Sprachf├Ąhigkeit in die Kindertagesst├Ątten zu verlagern und diese dazu zu verpflichten, in Zusammenarbeit mit der Schule die n├Âtigen F├Ârderma├čnahmen durchzuf├╝hren. Die Voraussetzung daf├╝r allerdings ist, dass wir die Kinder erst einmal in die Betreuungseinrichtungen bekommen. Denn wenn 2011 rund 18 Prozent der Kinder in Kindertagesst├Ątten mindestens ein ausl├Ąndisches Elternteil hatten und 10,3 Prozent zu Hause nicht vorrangig Deutsch sprachen, bleibt hier eine Menge zu tun.

Sie verweisen darauf, dass die Beteiligung von Kindern mit Migrationshintergrund an den Kindertagesst├Ątten zwischen 2009 und 2010 sprunghaft von 68,7 auf 84,1 Prozent angestiegen sei. Da muss man sich fragen, wie so etwas zustande kommt, zumal die entsprechende Bewegung in den anderen Bundesl├Ąndern sehr gering war. Ich kann Ihnen sagen, woran es lag: Es lag an dem richtigen Beschluss der Gro├čen Koalition, das letzte KiTa-Jahr geb├╝hrenfrei zu stellen. Und Sie werden es erleben: Wenn die Zahlen f├╝r 2011 ausgewertet sind, werden Sie sehen, dass die Wiedereinf├╝hrung der Geb├╝hrenpflicht negative Folgen hat.

Und falls Sie wirklich Ihre Herdpr├Ąmie alias Betreuungsgeld durchsetzen, wird das ein weiteres Vehikel daf├╝r sein, genau die Kinder aus den KiTas fernzuhalten, die dort unbedingt hingeh├Âren. Also setzen Sie sich in Berlin daf├╝r ein, daf├╝r kein Geld rauszuwerfen, sondern damit lieber die Kommunen und die freien Tr├Ąger beim Ausbau und bei besserer Betreuungsqualit├Ąt zu unterst├╝tzen.

Wir werden uns deshalb darum bem├╝hen, in der n├Ąchsten Legislaturperiode die Geb├╝hrenfreiheit zumindest f├╝r das letzte Jahr vor der Einschulung wieder herzustellen, und wir streben langfristig an, die gesamte Bildung von der Kindertagesst├Ątte bis zum ersten Studienabschluss geb├╝hrenfrei zu machen.

Als ehemalige Sch├╝lerin mit immer noch aktuellem Migrationshintergrund beunruhigt es mich schon, wenn im Schuljahr 2010/11 42 Prozent aller Sch├╝ler auf ein Gymnasium gegangen sind, aber nur 26 Prozent der Sch├╝ler mit Migrationshintergrund.

Ich bin davon ├╝berzeugt, dass die M├Âglichkeiten, die die Gemeinschaftsschule auf der Grundlage des l├Ąngeren gemeinsamen Lernens bietet, f├╝r alle Sch├╝ler nicht nur, aber gerade auch f├╝r die aus Migrantenfamilien eine riesige Chance ist. An dieser Schulart war 2010/11 die Beteiligung der Sch├╝ler mit Migrationshintergrund auch nur unwesentlich h├Âher als die von Sch├╝lern ohne ihn.

Was uns im Bildungswesen fehlt, sind junge Menschen aus Migrantenfamilien, die sich dazu entschlie├čen, einen p├Ądagogischen Beruf zu ergreifen, sei es als Erzieherin bzw. Erzieher oder ganz besonders als Lehrerin bzw. Lehrer. Ich wei├č, dass das zum Teil ein Mentalit├Ątsproblem ist, besonders bei jungen M├Ąnnern, von denen viele diese Berufe als typisch weibliche T├Ątigkeiten ansehen. Aber das war bei den ethnischen Deutschen vor nicht allzu langer Zeit ja noch ├Ąhnlich, und der Wandel in den K├Âpfen dauert eben seine Zeit.

Auch die Bilanz der Abschl├╝sse ist nicht gut. Der Anteil der Absolventen mit Migrationshintergrund, die gar keinen Abschluss oder nur einen Hauptschulabschluss erreicht haben, ist viel zu hoch, w├Ąhrend ihr Anteil bei den Realschulabschl├╝ssen und beim Abitur zu niedrig ist. Bei den berufsbildenden Schulen sind die Chancen besser. Insgesamt 19 Prozent der Berufsschulabsolventen legen das Abitur am beruflichen Gymnasium ab, bei den Absolventen mit Migrationshintergrund sind es knapp 16 Prozent.

Ich bitte darum, dass wir uns die Antwort der Landesregierung auf diese Gro├če Anfrage in der n├Ąchsten Legislaturperiode als Arbeitsgrundlage auf Wiedervorlage legen. Es w├Ąre schade, wenn sie mit der Neuwahl in der Schublade verschwinden w├╝rde.

Homepage: Serpil Midyatli, MdL


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