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Stand: August 2007

Straßennamen in unserem Stadtteil - Was steckt dahinter?

Von Sönke Petersen

Man wohnt in einer Straße und diese hat fast immer auch einen Namen. In der Regel macht man sich aber kaum Gedanken über diese Namensgebung. Wer hatte die Idee sie ausgerechnet so zu nennen und warum? In den nachfolgenden Beiträgen soll näher auf die Straßennamen in unserem Stadtteil und den damit verbundenen Hintergrundgeschichten eingegangen werden.


Sokratesplatz SOKRATESPLATZ

1996 wurde die ehemalige Sokratesstraße in Sokratesplatz umbenannt und man bezog hierbei auch den früheren Parkplatz von HDW mit ein. Es ist der zentrale Platz der neuen Fachhochschule. Den Mittelpunkt der Stätte für Forschung und Lehre nach einem griechischen Philosophen zu benennen scheint angemessen. - Aber weit gefehlt! Der Name erinnert an ein Kriegsschiff !
Anfang 1881 liefen die beiden Schiffneubauten "Sokrates" und "Diogenes" nach nur knapp 9 Monaten Bauzeit auf der Howaldt'schen Schiffswerft vom Stapel. Auftraggeber war ursprünglich der peruanische Präsident Pierola gewesen, diesen hatte man aber nach einer Revolte davongejagt.

Sokratesplatz Peru und Bolivien einerseits und Chile andererseits befanden sich damals wegen der Salpeterprovinz Atacama im Kriegszustand miteinander. Über den wirklichen Auftraggeber gingen, zumindest in der Öffentlichkeit, die wildesten Gerüchte um. Chile schickte sogar als Beobachter einen Offizier nach Kiel und intervenierte bei der deutschen Reichsregierung. Als Anfang August 1881 die beiden Schiffe endgültig fertiggestellt waren, erging von Seiten des Reichsinnenministers an den Werftbesitzer die Aufforderung, sofort mitzuteilen, für wen die Kriegsschiffe bestimmt seien. Georg Howaldt verweigerte die Auskunft, mit der Behauptung, dass von der Konstruktion her die beiden Neubauten gar nicht zur Kriegsführung geeignet seien. Auch die Verlegung dieser Schiffe in den Kieler Binnenhafen zwecks besserer Überwachung kam für ihn nicht in Frage. Als am 3. August ein Hilfskessel der "Sokrates" unter Dampf gesetzt wurde, nahm man an, dass die Schiffe nun auslaufen sollten. Darauf veranlasste die Kaiserliche Marinestation die Besetzung beider Schiffe durch ein Prisenkommando.

Sokratesplatz Um ein Auslaufen zu verhindern, wurden Teile der Dampfmaschinen, wie Howaldt später behauptete "unfachmännisch", ausgebaut. Zur Sicherung wurde die Korvette "Blücher" in die Schwentinemündung an das Ufer des Kaiserlichen Depot verlegt. Der Reichsinnenminister erließ ein Auslaufverbot mit der Begründung, dass Peru die Schiffe möglicherweise zum Kriegseinsatz gegen Chile bringen würde. Nach völkerrechtlich anerkannten Neutralitätsgrundsätzen hätte das Deutsche Reich, als neutraler Staat darüber zu wachen, dass auf seinem Gebiet für kriegsführende Staaten keine Kriegsschiffe ausgerüstet werden dürften. Howaldt protestierte gegen das rigorose Vorgehen der Kaiserlichen Kriegsmarine und schaltete als seinen Rechtsbeistand Justitzrat Castangne ein. Dieser forderte Schadenersatz vom Staat. Schon damals verstand man es Kriegswaffenkontrollgesetze zu umgehen. Nach längerem Hin und Her verkaufte man die beiden Schiffe schließlich unbewaffnet, nun als Frachter deklariert, an die Reederei Henry Lambert in London. Dort wurden sie umgebaut und mit Geschützen ausgerüstet.





Sokratesplatz Nachdem beide Schiffe auf die Namen "Lima" bzw. "Topeca" umgetauft waren, dampften sie nun über den Atlantik um die Peruanische Kriegsflotte zu verstärken.
Im Hochhaus, Sokratesplatz Nr.2, das Anfang der 60er Jahre errichtet wurde, war früher die Verwaltung der Howaldtswerke - Deutsche Werft AG (HDW) untergebracht. Im Obergeschoss residierte die Werftleitung, so auch etliche Jahre der damals hochgeschätzte Direktor Adolf Westphal. Anfang der 80er Jahre wurde der Werftstandort Dietrichsdorf aufgegeben. Den Betrieb konzentrierte man auf den Standort in Gaarden. Als Strukturmassnahme beschloss die Regierung des Landes Schleswig-Holstein einige Jahre später die Fachhochschule Kiel auf der entstandenen Industriebrache anzusiedeln. Heute befinden sich im ehemaligen Verwaltungsgebäude die Fachbereiche Wirtschaft und Sozialwesen. Auf dem Dach des Gebäudes wurde eine Sternwarte eingerichtet.
Nach dem Kreuzer Diogenes wurde ebenfalls eine Straße benannt. Die Diogenesstraße lag in Verlängerung der Schwentinestraße, nördlich des heutigen Eichenbergskamps. Sie wurde während des Zweiten Weltkrieges aufgrund umfangreicher Werfterweiterungen aufgehoben.


Straßen im unteren Dietrichsdorf

Bis zum Jahre 1876, als Georg Howaldt eine kleine Schiffswerft am Nordufer der Schwentine erwarb, war es in Dietrichsdorf eher ruhig zugegangen. Das bäuerliche Alltagsleben der rund 580 Bewohner im Dorf wurde in erster Linie von der weitverzweigten Großbauernfamilie Ivens bestimmt. Die Felder der Gemeinde erstreckten sich von den Ufern der Schwentine und der Förde bis an die Grenzen der Nachbardörfer Mönkeberg und Schönkirchen. Sie wurden, bis auf die Koppeln nördlich vom Salzredder (hier entstand ab 1871 das Munitionsdepot der Kaiserlichen Marine) weitgehend noch landwirtschaftlich genutzt. In Neumühlen, dessen Bebauung zwischen Schwentineufer und Steilhang sehr beengt lag, ging es schon etwas lebhafter zu. Mühlenbetriebe, Handwerker, Händler und Gasthöfe prägten hier das Leben. Außerdem ging der gesamte Personen- und Warenverkehr, der zwangsläufig über den Mühlendamm kommen musste, von und nach Norden über den Heikendorfer Weg und die Schönberger (Schönkirchener) Straße. Dietrichsdorf oben am Dorfteich lag abseits und blieb von diesem Treiben weitgehend unberührt.

Das änderte sich innerhalb von wenigen Jahren aber sehr schnell. Anfänglich waren es zwischen 20 bis 30 Arbeiter gewesen, die bei der "Kieler Schiffswerft Georg Howaldt" beschäftigt waren. Bis 1883 stieg die Zahl der Beschäftigten vorübergehend auf rund 1200 an und das Werftgelände war um ein Vielfaches angewachsen. Um der steten Fluktuation der Arbeitskräfte entgegenzuwirken und auch um die Fachkräfte an die Werft zu binden, ließ Howaldt ab 1884 vor dem Werfttor zahlreiche Arbeiterwohnhäuser in einer s.g. "Arbeitercolonie" bauen. Diese Bautätigkeit zog sehr schnell Investoren an. Privatwohnhäuser; Geschäfte, Gaststätten und Handwerksbetriebe wurden gebaut. Abseits vom Dorf entstand zwischen Werft und Heikendorfer Weg noch vor der Jahrhundertwende ein völlig neuer Ortsteil, den man "Neu-Dietrichsdorf" nannte. Um 1895 lebten hautsächlich hier unten die Mehrzahl der auf rund 2930 Personen angewachsenen Dorfbevölkerung. So wie wir sie auch heute noch kennen, wurden die Straßenzüge in diesem Wohnquartier damals schon angelegt. Die Straßen benannte man nach weiblichen Vornamen aus dem Bekanntenkreis der Familie Howaldt, oder aber die Bezeichnungen hatten einen unmittelbaren Bezug zur Werft. Von den rund 40 Arbeiterwohnhäusern aus den Anfangsjahren der Bebauung ist keines mehr erhalten. Die meisten wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört, der Rest abgebrochen als die Werft dringend Flächen für Parkplätze ihrer Mitarbeiter benötigte.

Als Neumühlen-Dietrichsdorf 1924 nach Kiel eingemeindet wurde, ergaben sich verschiedene Doppelbenennungen von Straßen im Stadtgebiet. Einige Straßennamen im neuen Stadtteil mussten daher auf Beschluss der Kieler Stadtverordnetenversammlung (heute heißt es Ratsversammlung) umbenannt werden. Dabei griff man auch auf alte Ortslagenbezeichnungen zurück. Diese stehen im Bezug zur Besiedlungsgeschichte oder zur Geographie von Neumühlen und Dietrichsdorf. In der Regel kommen die Namen aus dem Plattdeutschen. Ihre Deutung ist den heutigen Generationen kaum noch möglich, da sie vielfach keinen Bezug mehr zur Sprache ihrer Vorväter haben. Bei der Erklärung dieser Namen konnte auf das Niederdeutsche Wörterbuch von Otto Mensing, Karl Wachholz Verlag und auf die Flurkarten von 1769 bzw. 1876 zurückgegriffen werden.